LEXiVIE
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Die Hallmarks of Aging als Referenzsystem biologischer Alterungsprozesse
Molekulare und zelluläre Mechanismen des Alterns werden als vernetztes biologisches System beschrieben, das funktionelle Stabilität und Verlustprozesse gemeinsam erklärt.
FORSCHUNG
Lesezeit: 12 Minuten
27. Januar 2026
Altern ist kein willkürlicher Zerfall, sondern ein biologisch komplexer Prozess, der durch eine Reihe miteinander verflochtener Mechanismen bestimmt wird. Um diese Komplexität systematisch zu erfassen, wurde 2013 von Carlos López-Otín und Kollegen das Konzept der „Hallmarks of Aging“ entwickelt und erstmals in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht. Es beschreibt charakteristische molekulare und zelluläre Veränderungen, die bei vielen Organismen konsistent mit zunehmendem Alter auftreten, experimentell beeinflussbar sind und mit altersassoziierten Erkrankungen in Verbindung stehen. Das ursprüngliche Modell umfasste neun Hallmarks und etablierte sich rasch als zentrales Referenzsystem der Alternsforschung. Mit dem Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnisse wurde es 2023 erweitert und beschreibt heute zwölf Hallmarks, die das Altern als regulierten biologischen Prozess und nicht als zufälligen Zerfall verständlich machen. Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass dieses Referenzsystem künftig weiter ergänzt werden könnte, etwa durch Aspekte der zellulären Mechanik, also der Art und Weise, wie Zellen auf physikalische Reize reagieren, durch Veränderungen der RNA-basierten Genregulation oder durch Verschiebungen in der Balance des Immunsystems, die unter altersassoziierten Bedingungen an Stabilität verliert. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass die Erforschung des Alterns dynamisch bleibt und sich das Verständnis seiner zugrunde liegenden Mechanismen kontinuierlich vertieft.
Zur analytischen Orientierung lassen sich die Hallmarks in drei Hauptgruppen gliedern:
Primäre Schäden (Primary Hallmarks) – Ursachen auf molekularer Ebene
Antagonistische Reaktionen (Antagonistic Hallmarks) – Reaktionen des Organismus auf diese Schäden
Integrative Hallmarks – systemische Folgen, die den Funktionsverlust von Geweben und Organen erklären
Diese Einteilung dient der strukturellen Klarheit, biologisch betrachtet sind die Prozesse eng miteinander verbunden.
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Primäre Schäden – Die molekularen Ausgangspunkte des Alterns
Diese Ebene beschreibt Prozesse, bei denen auf molekularer Ebene grundlegende Schäden entstehen. Sie gelten als frühe Ausgangspunkte biologischer Alterung und beeinflussen nahezu alle nachfolgenden Veränderungen.
Genomische Instabilität
Kurz gesagt: Das Erbgut der Zelle wird mit der Zeit fehleranfälliger.
Das Erbgut jeder Zelle ist kontinuierlichen Belastungen ausgesetzt. Endogene Stoffwechselprozesse, oxidativer Stress, Umweltfaktoren und physikalische Einwirkungen verursachen DNA-Schäden, die sich über die Lebensspanne hinweg akkumulieren. Zwar verfügen Zellen über hochentwickelte Reparaturmechanismen, doch deren Effizienz nimmt mit zunehmendem Alter ab. Mutationen, chromosomale Aberrationen und strukturelle Instabilitäten häufen sich.
Diese genomische Instabilität gilt als eine der zentralen Triebkräfte biologischer Alterung. Besonders relevant ist sie in Stammzellen, da ihre genetische Integrität die langfristige Aufrechterhaltung der Gewebehomöostase bestimmt. Molekulare Regulatoren wie Sirtuine, insbesondere SIRT6, sind wesentlich an DNA-Reparaturprozessen und der Stabilisierung chromosomaler Strukturen beteiligt. Auch Schäden der mitochondrialen DNA gewinnen an Bedeutung, da sie systemische Effekte auf Energiehaushalt und Entzündungsregulation entfalten.
Telomerverkürzung
Vereinfacht gesagt: Jede Zellteilung verbraucht ein kleines Stück genetische Schutzreserve.
Telomere sind repetitive DNA-Sequenzen an den Enden der Chromosomen, die das genetische Material vor Abbau und Fehlverknüpfungen schützen. Aufgrund der begrenzten Replikationsfähigkeit der DNA-Polymerase verkürzen sie sich mit jeder Zellteilung. Wird eine kritische Länge erreicht, verlieren Zellen ihre Teilungsfähigkeit oder treten in einen stabilen Zustand funktioneller Ruhe ein.
Dieser Mechanismus wirkt als Schutz vor unkontrollierter Zellproliferation, begrenzt jedoch zugleich die regenerative Kapazität von Geweben. Die Telomerlänge wird durch genetische Faktoren, metabolische Prozesse, psychosoziale Belastungen und Lebensstilbedingungen beeinflusst und gilt als Marker biologischer Zeit auf zellulärer Ebene.
Epigenetische Veränderungen
Einfach ausgedrückt: Die Gebrauchsanweisung der Gene verändert sich im Verlauf der Lebensspanne.
Epigenetische Mechanismen steuern, welche Gene aktiv sind, ohne die zugrunde liegende DNA-Sequenz zu verändern. Dazu zählen DNA-Methylierung, Histonmodifikationen und regulatorische nicht kodierende RNAs. Sie fungieren als dynamische Schnittstelle zwischen Genom, Umwelt und Zellfunktion.
Im weiteren Lebensverlauf verändern sich diese epigenetischen Signaturen systematisch. Reparatur- und Stabilitätsprogramme werden zunehmend herunterreguliert, während entzündungsassoziierte Signalwege an Aktivität gewinnen. Diese epigenetische Drift ist messbar und bildet die Grundlage sogenannter biologischer Altersuhren. Da epigenetische Muster prinzipiell reversibel sind, nehmen sie eine zentrale Stellung in der modernen Longevity-Forschung ein.
Verlust der Proteostase
Vereinfacht: Die Qualitätskontrolle für zelluläre Bausteine lässt nach.
Die Funktion jeder Zelle beruht auf der präzisen Faltung, Modifikation und dem kontrollierten Abbau von Proteinen. Dieses fein abgestimmte Gleichgewicht wird als Proteostase bezeichnet. Mit zunehmendem Alter verlieren Kontrollsysteme wie molekulare Chaperone, Proteasomen und die Unfolded Protein Response an Effizienz.
Fehlgefaltete oder oxidativ geschädigte Proteine reichern sich an, beeinträchtigen zelluläre Prozesse und erhöhen die Anfälligkeit für funktionelle Störungen. Der Verlust der Proteostase steht in engem Zusammenhang mit neurodegenerativen Erkrankungen und markiert den Übergang von molekularer Ordnung zu chronischem zellulärem Stress.
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Antagonistische Reaktionen – Schutzmechanismen mit langfristigen Nebenwirkungen
Diese Prozesse dienen ursprünglich dem Schutz und der Anpassung. Im späteren Lebensverlauf können sie jedoch selbst zur Quelle von Belastung und Dysregulation werden.
Eingeschränkte Autophagie
Alltagssprachlich: Die zelluläre Müllabfuhr arbeitet langsamer.
Autophagie ist ein zentraler zellulärer Recyclingprozess, bei dem beschädigte Organellen und Proteinaggregate in Lysosomen abgebaut werden. Sie fungiert als Qualitätskontrollsystem und trägt wesentlich zur Aufrechterhaltung der zellulären Homöostase bei. Mit zunehmendem Alter nimmt ihre Aktivität jedoch ab.
Nicht entfernte Zellbestandteile fördern oxidativen Stress, Entzündungsreaktionen und mitochondriale Dysfunktion. Die Abschwächung der Autophagie verstärkt damit andere Kennzeichen des Alterns und beschleunigt systemische Dysregulationen.
Dereguliertes Nährstoff-Sensing
Vereinfacht: Zellen reagieren nicht mehr angemessen auf Überfluss oder Mangel.
Zelluläre Signalwege wie mTOR, AMPK und der Insulin-IGF-1-Signalweg koordinieren Wachstum, Energiestoffwechsel und Reparaturprozesse. In frühen Lebensphasen fördern sie anabole Prozesse und Gewebeaufbau. Im weiteren Lebensverlauf verliert dieses Netzwerk seine fein abgestimmte Regulation.
Eine anhaltende Aktivierung wachstumsfördernder Signale geht zulasten zellulärer Wartungs- und Reparaturprogramme. Diese Verschiebung beeinflusst Stoffwechselstabilität, Stressresistenz und die langfristige Funktionalität von Geweben.
Mitochondriale Dysfunktion
Einfach gesagt: Die zellulären Kraftwerke produzieren weniger Energie und mehr Nebenprodukte.
Mitochondrien sind weit mehr als Energieproduzenten. Sie fungieren als zentrale Knotenpunkte zellulärer Signalverarbeitung. Altersassoziierte Veränderungen betreffen sowohl die mitochondriale DNA als auch die Dynamik von Fusion, Fission und Organellenumsatz.
Die Folge sind eine reduzierte Energieeffizienz, eine vermehrte Bildung reaktiver Sauerstoffspezies und eine gestörte intrazelluläre Kommunikation. Gleichzeitig zeigen experimentelle Modelle, dass milde mitochondriale Belastungen adaptive Schutzprogramme aktivieren können, ein Phänomen, das als Mitohormesis beschrieben wird.
Zelluläre Seneszenz
Vereinfacht: Zellen schalten in einen dauerhaften Ruhemodus, bleiben aber biologisch aktiv.
Zelluläre Seneszenz beschreibt einen stabilen Zustand des Zellzyklusarrests bei gleichzeitig erhaltener metabolischer Aktivität. Seneszente Zellen sezernieren ein charakteristisches Muster bioaktiver Moleküle, das als Senescence-Associated Secretory Phenotype bezeichnet wird.
Diese Signale verändern die Gewebeumgebung, fördern Entzündungsprozesse und stören die interzelluläre Kommunikation. Während Seneszenz in Entwicklung, Tumorsuppression und Gewebereparatur eine wichtige Schutzfunktion erfüllt, gewinnt ihre Akkumulation im Alter systemische Bedeutung.
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Integrative Hallmarks – Wenn Systeme ihre biologische Balance verlieren
Auf dieser Ebene zeigen sich die Folgen der zuvor beschriebenen Prozesse auf Gewebe- und Systemebene.
Erschöpfung der Stammzellen
Kurz gesagt: Die körpereigenen Reparaturreserven werden knapper.
Die Regenerationsfähigkeit von Geweben beruht auf funktionsfähigen Stammzellpopulationen. Im Verlauf der Lebensspanne nehmen sowohl ihre Anzahl als auch ihre funktionelle Qualität ab. Dies betrifft Differenzierungsfähigkeit, Stressresistenz und Anpassungsvermögen.
Die Erschöpfung der Stammzellen wirkt sich unmittelbar auf Gewebeerneuerung, Wundheilung und langfristige Organfunktion aus und stellt einen zentralen integrativen Mechanismus biologischer Alterung dar.
Veränderte interzelluläre Kommunikation
Vereinfacht: Zellen sprechen nicht mehr dieselbe Sprache.
Zellen kommunizieren über Hormone, Zytokine, Neurotransmitter und metabolische Signale. Mit fortschreitender biologischer Zeit verändern sich diese Kommunikationsnetzwerke. Chronische Entzündungsprozesse, hormonelle Verschiebungen und veränderte Signalantworten führen zu einer zunehmenden Dysregulation ganzer Systeme.
Auch die extrazelluläre Matrix, die strukturelle und mechanische Signale vermittelt, verändert ihre Eigenschaften und trägt zur funktionellen Entkopplung von Geweben bei.
Chronische Entzündung
Einfach gesagt: Das Immunsystem bleibt dauerhaft in Alarmbereitschaft.
Ein dauerhaft erhöhter Entzündungsstatus niedriger Intensität gilt als universelles Merkmal biologischer Alterung. Er resultiert aus Veränderungen des Immunsystems, metabolischem Stress und gestörter Zellkommunikation.
Chronische Entzündung verstärkt nahezu alle anderen Kennzeichen des Alterns und beschleunigt degenerative Prozesse auf Organ- und Systemebene.
Dysbiose
Vereinfacht: Das Gleichgewicht der Darmbakterien verschiebt sich.
Das Darmmikrobiom bildet ein hochkomplexes Ökosystem, das Stoffwechsel, Immunfunktion und neuronale Signalwege beeinflusst. Im höheren Lebensverlauf verändern sich Zusammensetzung und Diversität dieser mikrobiellen Gemeinschaft.
Eine verminderte Vielfalt und das Überwiegen proinflammatorischer Bakterien stehen im Zusammenhang mit systemischer Entzündung, metabolischer Dysregulation und funktionellen Veränderungen des Nervensystems. Die Darmmikrobiota wird damit zu einem integrativen Faktor biologischer Alterung.
Ein vernetztes Verständnis biologischer Zeit
Die Hallmarks of Aging sind keine isolierten Phänomene, sondern Ausdruck eines eng gekoppelten biologischen Systems. Genomische Stabilität, epigenetische Regulation, Energiehaushalt, Proteostase, Entzündung und Mikrobiom beeinflussen sich gegenseitig und bestimmen gemeinsam, wie sich biologische Zeit im Körper manifestiert.
Der zentrale Erkenntnisgewinn der modernen Longevity-Forschung liegt nicht in der bloßen Erweiterung einzelner Listen, sondern im Verständnis dieser funktionellen Vernetzung. In diesem systemischen Blick auf Alterung vollzieht sich der Übergang von reiner Beschreibung zu einem tieferen Verständnis biologischer Stabilität über die gesamte Lebensspanne hinweg.
Quellen
Studien
López-Otín C, Blasco MA, Partridge L, Serrano M, Kroemer G. The hallmarks of aging. Cell. 2013;153(6):1194–1217. https://doi.org/10.1016/j.cell.2013.05.039
López-Otín C, et al. Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell. 2023;186(1):18–38. https://doi.org/10.1016/j.cell.2022.11.001
Skowronska-Krawczyk D. Hallmarks of Aging: Causes and Consequences. Aging Biology. 2023;3:1–14. https://doi.org/10.1002/agingbio.20230011
Tartiere AG, Freije JMP, López-Otín C. The hallmarks of aging as a conceptual framework for health and longevity research. Frontiers in Aging. 2024;15:1334261. https://doi.org/10.3389/fragi.2024.1334261
López-Otín C, et al. Meta-hallmarks of aging and cancer: Common mechanisms across aging and tumorigenesis. Ageing Research Reviews. 2023;89:102573. https://doi.org/10.1016/j.arr.2023.102573
SCHLÜSSEL-Begriffe
Hallmarks of Aging, Zellalterung, Longevity, Epigenetik, Aging Science
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