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Verschiebung der globalen Wissenschaftsmacht von Europa in die USA

Historische Migration von Talent, Kapital und Forschungsfreiheit formte ein US-zentriertes Wissenschaftssystem mit langfristiger struktureller Dominanz

FORSCHUNG

Lesezeit: 9 Minuten

22. Januar 2026

Über Jahrzehnte galt Europa als das geistige Zentrum der Welt. Die großen Entdeckungen in Physik, Chemie, Medizin oder Mathematik wurden in Zürich, Berlin, Kopenhagen, Paris oder Cambridge gemacht. Heute jedoch zeigt sich ein anderes Bild: Der Großteil wissenschaftlicher Spitzenleistungen, Patente und vor allem Nobelpreise entsteht in den Vereinigten Staaten. Die Frage liegt auf der Hand: Warum hat sich die Achse der wissenschaftlichen Macht so deutlich verlagert und warum konnte Europa diese Entwicklung nicht verhindern?


Historische Abwanderung wissenschaftlicher Eliten im 20. Jahrhundert

Die Wurzeln des heutigen Ungleichgewichts liegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während Hitler-Deutschland und der Zweite Weltkrieg Europa verwüsteten und seine intellektuellen Eliten bedrohten, boten die USA vielen verfolgten Forschern Sicherheit, Ressourcen und eine Zukunft. Mit ihnen kam eine Welle wissenschaftlicher Exzellenz in ein Land, das zugleich wirtschaftlich unversehrt war und bereit, Milliarden in Forschung zu investieren. Projekte wie die amerikanische Atomforschung oder das NASA-Raumfahrtprogramm bündelten Geld, Talent und politischen Willen.

Aus europäischer Perspektive war diese Emigration ein doppelter Verlust:
Europa verlor wissenschaftliche Vordenker und die USA schufen ein dauerhaftes Ökosystem, das Talente weltweit anzog. Und genau deshalb stammen so viele der heute maßgeblichen wissenschaftlichen Quellen, Studien und  Erkenntnisse aus US-Institutionen, weil sie seit Jahrzehnten ein Umfeld bieten, in dem Forschung kontinuierlich wachsen, sich vernetzen und global sichtbare Ergebnisse produzieren kann.


Finanzierungsstrukturen als Motor wissenschaftlicher Dynamik

Kein Faktor ist so sichtbar wie die Finanzierung. Die USA haben ein enormes, flexibles und risikofreudiges Fördersystem aufgebaut, das von staatlichen Institutionen wie den National Institutes of Health bis hin zu privaten Stiftungen reicht. Diese Organisationen finanzieren Projekte, die in Europa oft nicht über die Konzeptphase hinauskommen würden, weil zu riskant, zu spekulativ, zu teuer.

Hinzu kommt ein gigantischer Markt für Wagniskapital. In den USA kann aus einer wissenschaftlichen Idee innerhalb weniger Monate ein milliardenschweres Tech-Unternehmen werden. Europa besitzt exzellente Grundlagenforschung, aber die Übersetzung von Wissen in Innovation ist oft langsam, bürokratisch und fragmentiert. Wo in den USA ein Start-up entsteht, entsteht in Europa ein Förderantrag. Auch daraus resultiert, dass ein Großteil der vielzitierten wissenschaftlichen Literatur und der großen Datensätze aus amerikanischen Labs stammt. Sie verfügen schlicht über weit größere Ressourcen für langfristige und groß angelegte Studien.


Langfristige Effekte des europäischen Brain Drain

Seit Jahrzehnten wandern viele der besten europäischen Forscher in den USA ab. Sie finden dort:

  • höhere Gehälter

  • modernere Labore

  • größere Teams

  • schnellere Karrierewege

  • mehr finanzielle Sicherheit für risikoreiche Projekte

Europa bildet Talente aus und exportiert sie unfreiwillig. Für viele europäische Wissenschaftler lautet die Realität: Studiert in Paris, München oder Stockholm, berühmt geworden in Boston oder Stanford. Dieser Brain Drain wirkt bis heute nach. Nobelpreise etwa spiegeln Leistungen wider, die 20 bis 40 Jahre zurückliegen. Viele der heute ausgezeichneten Forscher haben in Europa begonnen, ihre entscheidenden Arbeiten aber in den USA vollendet. Darum entstehen die einflussreichsten Publikationen so oft in Harvard, MIT, Stanford oder den NIH, nicht, weil Europa weniger Talent hätte, sondern weil Spitzenforscher ihre produktivsten Phasen in den USA verbringen.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist der französischstämmige Physiker Michel H. Devoret, der 2025 den Nobelpreis für Physik erhielt. Obwohl er in Europa geboren wurde, forscht er heute an einer US-Universität und erhielt die Auszeichnung für seine Arbeiten zur Quantenphysik gemeinsam mit zwei weiteren Wissenschaftlern. Sein Werdegang spiegelt genau jene Dynamik wider: Europäische Talente erreichen ihren wissenschaftlichen Höhepunkt oft in den Vereinigten Staaten und nicht in ihren Herkunftsländern.


Fragmentierung und Regulierung als strukturelle Bremsen

Europa verfügt über hervorragende Universitäten und Institute. Doch ihr großer Nachteil ist die Struktur des Kontinents selbst: 27 Länder, 24 Sprachen, unzählige nationale Forschungsprogramme und regulatorische Systeme.

Während die USA ein einziges großes Wissenschaftsökosystem bilden, ist Europa ein Puzzle aus Zuständigkeiten.

Dazu kommt eine andere Kultur: Europa denkt in Sicherheit, Regulierung und Konsens. Die USA denken in Geschwindigkeit, Wettbewerb und Risiko. Das europäische Vorsichtsprinzip hat viele Vorteile für Verbraucher- und Datenschutz, aber es hemmt gleichzeitig die Entwicklung von Bereichen wie Genforschung, Biotechnologie, künstlicher Intelligenz oder klinischen Studien.

Das Ergebnis: Viele der weltweit einflussreichsten Datensammlungen, klinischen Studien und technologischen Durchbrüche werden in den USA durchgeführt, weil der Prozess dort schneller, weniger fragmentiert und mutiger gestaltet ist.


Nobelpreise als Indikator systemischer Leistungsfähigkeit

Nobelpreise zeigen nicht nur individuelle Genialität, sondern auch die Leistungsfähigkeit eines Systems. Während Europa weiterhin brillierende Köpfe hervorbringt, scheitert es häufiger daran, aus diesen Köpfen globale Forschungspersönlichkeiten zu formen.

Die USA hingegen bieten eine Umgebung, in der:

  • Ressourcen fast unbegrenzt wirken

  • Disziplinen offen miteinander arbeiten

  • Exzellenz untereinander konkurriert

  • Scheitern kein Makel ist

  • Erfolg überproportional belohnt wird

Das Ergebnis ist ein Ökosystem, das Talente magnetisch anzieht und sie selten wieder loslässt. Und genau dieses Umfeld führt dazu, dass ein wachsender Anteil der weltweit meistzitierten wissenschaftlichen Arbeiten, Leitlinien und Erkenntnisse aus US-Forschungseinrichtungen stammt.


Späte Reformansätze und offene Zukunftsperspektiven

In den letzten Jahren erkennt Europa zunehmend, wie stark der Rückstand geworden ist. Wissenschaftliche Beiräte und Think Tanks warnen: Europa verliert im Wettlauf um Zukunftstechnologien an Boden.

Die EU versucht gegenzusteuern:

  • neue Förderprogramme

  • vereinfachte Kooperationen

  • Investitionen in künstliche Intelligenz, Quantenforschung und Biotech

  • Initiativen, um klinische Studien zurück nach Europa zu holen

Doch der Wiederaufstieg Europas setzt etwas voraus, das schwerer zu verändern ist als Geld oder Infrastruktur: eine neue Risikokultur.


Strukturelle Reformchancen im globalen Wissenschaftswandel

Ironischerweise stehen die USA selbst heute unter Druck: politische Polarisierung, instabile Finanzierung und Visa-Beschränkungen wirken abschreckend. Einige internationale Forscher kehren inzwischen bewusst nach Europa zurück. Europa hat damit eine historische Chance, aber nur, wenn es bereit ist, schnell und entschlossen zu handeln.

Dazu gehört:

  • mehr Mut für Hochrisiko-Forschung

  • weniger Bürokratie in Förderverfahren

  • stärkere Vernetzung der Länder

  • bessere Karrierewege für junge Wissenschaftler

  • mehr Kapital für Deep-Tech und Biotech

  • eine Kultur, die Innovation belohnt statt sie zu regulieren

Europa hat das Potenzial, wieder eine Wissenschaftsmacht zu werden.
Was fehlt, ist nicht Talent, sondern das Umfeld, in dem sich Talent entfalten kann.


Die Stärke der US-Wissenschaft ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das Geld, Risiko, Wettbewerb und Talent in einmaliger Weise kombiniert. Europa hingegen kämpft bis heute mit seiner Fragmentierung, Bürokratie und Vorsichtskultur. Doch die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Wenn Europa jetzt die richtigen Entscheidungen trifft, könnte der Kontinent nicht nur zu alter wissenschaftlicher Stärke zurückfinden, sondern eine neue Ära prägen, in der exzellente Forschung und gesellschaftliche Verantwortung Hand in Hand gehen.

Quellen

Studien

Paul A. David & Dominique Foray. Economic Fundamentals of the Knowledge Society. International Social Science Journal, 2002. https://doi.org/10.1111/1468-2451.00357

Leonid Hurwicz, Eric S. Maskin & Roger B. Myerson. The Mechanism Design Approach to Systemic Innovation Incentives. Journal of Economic Perspectives, 2006. https://doi.org/10.1257/089533006776526007

Philippe Aghion, Christopher A. Jones & Charles I. Jones. Innovation and Growth: The Schumpeterian Perspective. Journal of Economic Literature, 2019. https://doi.org/10.1257/jel.20181014


Bücher

Geoffrey C. Bowker & Susan Leigh Star (Hrsg.). Sorting Things Out: Classification and Its Consequences. MIT Press, 2000. ISBN-13: 978-0262082670


Institutionen & Reports

Organisation for Economic Co-operation and Development. OECD Science, Technology and Innovation Outlook 2024. https://www.oecd.org/sti/sti-outlook-19991487.htm

SCHLÜSSEL-Begriffe

Wissenschaftssysteme, Forschungsförderung, Brain Drain, Nobelpreise, Innovationskultur, Europa, USA

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